11.2.2010 - Neoliberalismus und Antisemitismus

Do, 11.2.2010 Audimax ASH, 19Uhr

Gerhard Stapelfeldt
Vortrag: Neoliberalismus und Antisemitismus

Der Neoliberalismus tritt nicht offen antisemitisch auf. Er ist die Apologie des unbewußten Allgemeinen. Daraus folgt sein kategorischer Imperativ: Anpassung an die undurchschauten Mächte der Tradition; daraus folgt seine Negation und Diffamierung aller Gestalten gesellschaftlicher Utopien; daraus folgt seine Individualisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. In dieser Konstellation von neoliberalen Basisdogmen besteht eine Wahlverwandtschaft zwischen dem neuen Liberalismus und dem Antisemitismus. Vor allem in Zeiten der Krise droht diese Nähe in einer manifesten Praxis zu erscheinen. Die Aufklärung dieses Zusammenhangs hat sich vor einem allzu umstandslosen Vergleich des Neoliberalismus mit dem Nationalsozialismus, vor einer Verhöhnung der Opfer des nationalsozialistischen Staatsterrors zu hüten. Sie hat aber ebenso die neoliberale Verdrängung des Terrors zurückzuweisen, die schon kurz nach 1945 im Dogma von der Stunde Null einsetzte. Seit Freud ist bewußt, dass jede Verdrängung die Wiederkehr des Verdrängten impliziert; die Wiederkehr ist jedoch keine Wiederholung, sondern die Erscheinung des Verdrängten unter veränderten Verhältnissen.

Eine Veranstaltung der Emanzipativen und Antifaschistischen Gruppe (EAG) und der gruppe disparat in Zusammenarbeit mit dem Antifaschismus Referat im AStA der Alice-Salomon-Hochschule.

 


Zum Hintergrund der Veranstaltungsreihe "Antisemitismus und Krise - Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung"

Wer sich die Frage „Was ist Antisemitismus?“ stellt, stößt unweigerlich auf die Bestimmung des Antisemitismus als ideologische und reaktionäre Welterklärung einer undurchsichtigen Gesellschaft. Der Antisemitismus nimmt die Welt als von fremden und bösen Mächten gelenkt war. Gemeinhin wird von Antisemitismus dann gesprochen, wenn Jüdinnen und Juden aufgrund ihrer Religion diskriminiert, verfolgt oder gar ermordet werden. Vor jeder antisemitischen Praxis von Diskriminierung und Verfolgung steht jedoch die antisemitische Ideologie, die entscheidend dafür ist, dass überhaupt erst „der Jude“ als Schuldiger ausgemacht wird. Zeigte sich der Antisemitismus im historischen Kontext des gesamten christlichen Abendlandes, seiner modernen Entwicklungen im 19. Jahrhundert bis hin zu Auschwitz als Ausdruck der Barbarei und dem Bruch einer gesamten Gesellschaftsform, macht er sich heute im Gesellschaftlich-Unbewussten erkennbar. In der kapitalistischen Gesellschaft entpuppt sich der Stereotyp, der Wahn (anti-)kapitalistischer Krisenbewältigung. Steht erst einmal die Misere vor der Tür, ist die konkrete Feindbestimmung die, die sich gegen das „gierige“ Finanzkapital richtet. Ausgeblendet wird dabei der Gesamtprozess des kapitalistischen Funktionszusammenhangs. Anstatt den Kapitalismus als Ganzes oder System zu kritisieren, wird hinter dem Kapitalismus eine bewusste Verschwörung und Machenschaft, die fremde Macht, herbei halluziniert. Doch nicht nur in der kapitalistischen Gesellschaft und seinen Krisen zeigt sich die Sparte des Antisemitismus. Es gilt zu analysieren, wo und wie sich der Antisemitismus im Gesellschaftlich-Unbewussten manifestiert hat.
Die Veranstaltungsreihe „Antisemitismus und Krise“ soll einige Aspekte des Antisemitismus offen legen und durch kritische Analyse diesem das Fundament entziehen.

 

 

weitere ReferentInnen: Michaela Böhme, Martin Dornis, Ljiljana Radonic, Stefan Grigat, Luise Schirmer und Gerhard Scheit

Die Inhalte und Daten der anderen Veranstaltungen im Rahmen der Reihe finden sich unter: antisemitismus.blogsport.de.