Aktuelles

Pressemitteilung: Das geplante Anerkennungsjahr: Ein Placebo für die Soziale Arbeit in Berlin

Als AStA & StuPa der ASH und Vertretende der Studierendenschaft, lehnen wir das vom Berliner Senat geplante Anerkennungsjahr in der Sozialen Arbeit ab!

Wir lehnen nicht per se einen bezahlten Praxisanteil in unserer Ausbildung ab, jedoch wird das geplante Anerkennungsjahr nicht die Probleme lösen, die es lösen soll. Uns wurde transparent gemacht, dass es hier klar um die Unterstützung der Jugendämter in Berlin gehen soll. Diese beklagen sich über Personalmangel und über zu wenig Interessent*innen aus der Sozialen Arbeit. Das ist auch ein großes Problem, welches gelöst werden muss! Dieses Problem haben jedoch nicht nur die Jugendämter, sondern eine Vielzahl von Arbeitgeber*innen in der Sozialen Arbeit. Das Anerkennungsjahr soll insofern eine Verbesserung bringen, dass sich die Jugendämter erhoffen, dass viele Absolvent*innen der sozialen

Hochschulen für ein Anerkennungsjahr in den Ämtern entscheiden und danach eingearbeitet, gleich da bleiben. Damit sollen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. Sie wollen die Absolvent*innen der Sozialen Arbeit an sich binden und sich die Einarbeitung von Berufsanfänger*innen möglichst sparen. Dies ist unserer Meinung nach die falsche Motivation und geht an den Problemen der Sozialen Arbeit in Berlin und bundesweit vorbei. Die Ursachen für den Personalmangel, den nicht nur die Jugendämter haben, liegen im System und nicht an der fehlenden Bindung zu den Praxisstellen.

Nicht mit uns!

Wir verstehen die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, die sich an den Interessen und Bedürfnisse der Menschen orientiert. Um diesem Mandat gerecht zu werden, braucht es strukturelle Voraussetzungen, wie ausreichend Personal und eine gerechte Entlohnung. Um bei dem Beispiel der Jugendämter in Berlin zu bleiben, ist nur ein kurzer Blick Zeitungsartikel der vergangen Jahre nötig: Immer wieder wurden Probleme in den Jugendämtern thematisiert. Von der personellen Überlastung mit viel zu vielen Fällen pro Sozialarbeitende und den daraus resultierenden Krankmeldungen, bis hin zu ständigen Kürzungen in den Bezirken. Diese Probleme lassen sich durch ein Anerkennungsjahr nicht lösen! Das wäre ein Placebo für die Soziale Arbeit, dass sich schnell als enttäuschender Hokuspokus herausstellen würde. Den Student*innen der Sozialen Arbeit sind diese Probleme nicht unbekannt.

Wir werden nicht mit offenen Augen in den kommenden Burn Out rennen!

Deshalb lehnen wir diese Entscheidung ab, die über unseren Köpfen hinweg getroffen wird. Wir als Studierende und (zukünftige) Arbeitnehmer*innen des sozialen Bereichs, können besser einschätzen, was zu Verbesserungen der Studien- und Arbeitsbedingungen für die Soziale Arbeit beiträgt.

Was die Situation in der Sozialen Arbeit wirklich verbessern könnte:Ein bezahltes Praxis- oder Anerkennungssemester im 5. Semester des Studiums

Die jetzige Praxissemester-Situation im Studium der Sozialen Arbeit in Berlin ist untragbar und muss unbedingt geändert werden! Nur in seltensten Fällen bekommen die Studierenden im Praxissemester eine Vergütung und müssen trotzdem fast 40 Stunden pro Woche, oft als vollwertige Arbeitskräfte, das Tagesgeschäft der Träger unterstützen und zusätzlich noch ihren eigenen Lebensunterhalt in der restlichen Zeit verdienen. Beschwerden über schlechte Betreuungen durch die Fachkräfte während des Praxissemesters sind dabei nicht selten. Wir werden also gerade im Praxissemester als billige Arbeitskräfte missbraucht, um den unterfinanzierten Trägermarkt in Berlin am Laufen zu halten. Gerade für Studierende, die kein BaföG oder Unterhalt beziehen, ist das Praxissemester zu einer ungemeinen Belastung geworden. Einige gehen deswegen so entmutigt aus dieser Praxiszeit, dass sie sich wieder von der Sozialen Arbeit abwenden. Diese Situation muss sich ändern – ein verpflichtend bezahltes Praxissemester oder Anerkennungssemester könnte Abhilfe bringen.

Ein Semester Praxiszeit reicht dabei völlig aus

Trotzdem ist die Unterbringung des Praxissemesters inmitten des Studiums eine wichtige Komponente unserer Ausbildung, da sie vielen Student*innen wichtige Klarheit und den Praxisbezug für ihr Studium noch einmal näher bringt. Es hilft ihnen, sich in den verbleibenden Semestern auf einen Zweig der Sozialen Arbeit zu spezialisieren. Deswegen halten wir eine Anerkennungszeit am Ende des Studiums für nicht sinnvoll: Damit würde die Theorie-Praxis-Verknüpfung aufgehoben werden. Die Forderung nach längeren Praxis- bzw. Probezeiten sind dabei klassische Arbeitgeber*innenpositionen. Hier soll Geld auf Kosten der Studierenden gespart werden, statt in die Einarbeitung zu investieren.

Wir fordern: Der Senat soll sich an der Praxisvergütung im Praxissemester beteiligen, egal wo die Student*innen ihr Praxissemester bestreiten. Die Praxisvergütung muss für den Lebensunterhalt ausreichen. Deshalb fordern wir eine Vergütung von mindestens 1000 €/ netto monatlich für Single-Haushalte ohne Kinder.

Bessere Bezahlung und Anerkennung der Sozialen Arbeit bringt mehr Studierende und damit auch mehr Absolvent*innen:

Das größte Problem der Sozialen Arbeit ist die geringe Anerkennung, die sich in der schlechten Finanzierung und zu hohen Betreuungsschlüsseln widerspiegelt. Wenn der Berliner Senat wirklich etwas an dieser Situation ändern möchte, muss er die Finanzierung der Sozialen Arbeit auf bessere Beine stellen und dann darauf aufbauend mehr Studienplätze zur Verfügung stellen. Die neuen Hochschulverträge sind ein guter Anfang, können aber die Mangelfinanzierung der Hochschulen in den letzten Jahrzehnten nicht aufwiegen. Hier ist der Senat und Bund gefragt, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen und nicht auf oberflächliche Maßnahmen wie dem Anerkennungsjahr zu setzen. Genauso sind aber die Träger der Sozialen Arbeit gefragt, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und den ökonomischen Druck nicht weiter an die Mitarbeiter*innen weiterzugeben. Dazu gehören gute Tarifverträge mit den Gewerkschaften, verbindliche und gute Betreuungsschlüssel, Fortbildungsmöglichkeiten und die Möglichkeiten für die Mitarbeiter*innen, sich von der belastenden Arbeit zu erholen. Damit kann der Beruf der Sozialen Arbeit wirklich aufgewertet und damit auch attraktiver werden.

Unser Vorschlag für die Jugendämter

BESSERE ARBEITSBEDINGUNGEN STATT ANERKENNUNGSJAHR, z. B.:

  • Erhöhung der Sozialarbeiter*innen-Gehälter auf die Stufe der Lehrer*innen in Berlin (mindestens TVL-Berlin E13)
  • verbindliche Betreuungsschlüssel für die Sozialarbeiter*innen
  • Einführung eines finanzierten Sabbatjahrs