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Offener Brief: Stellungnahme zum Gedicht Eugen Gomringers

an das Rektorat der
Alice Salomon Hochschule
Alice-Salomon-Platz 5
12627 Berlin

Offener Brief: Stellungnahme zum Gedicht Eugen Gomringers

Sehr geehrtes Rektorat der Alice Salomon Hochschule,

wir als Studierende haben die vorlesungsfreie Zeit genutzt, um uns etwas genauer mit dem Gedicht an der Südfassade der Hochschule zu beschäftigen: „avenidas“ von Eugen Gomringer, Preisträger des Alice Salomon Poetik Preises 2011. Zur einfacheren Handhabung im Folgenden waren wir so frei, das Gedicht mal auf Deutsch zu übersetzen:

Gedicht Wand, Quelle: ASH

Alleen

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer“

Wir halten es grundsätzlich für begrüßenswert, dass die ASH jährlich Künstler*innen würdigt, die „durch ihre besondere Formensprache und Vielfalt zur Weiterentwicklung der literarischen, visuellen sowie musischen Künste beitragen und dabei immer interdisziplinär arbeiten und wirken“ (Zitat nach: http://www.ash-berlin.eu/profil/auszeichnungenpreise/alice-salomon-poetik-preis/). Es ist ebenfalls nicht unser Anliegen, das Gesamtwerk Eugen Gomringers in Frage zu stellen.

Dennoch kommen wir nicht umhin, ausgerechnet dieses Gedicht als offizielles Aushängeschild unserer Hochschule zu kritisieren: Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.

Prof. Dr. Theda Borde sagte damals über das Gedicht:„Wir freuen uns sehr über diese bleibende Erinnerung an unseren Poetikpreisträger Eugen Gomringer und sind uns sicher, dass die Strahlkraft des Kunstwerkes weit über unsere Hochschule und den Bezirk Hellersdorf hinausgeht“, so Prof. Dr. Theda Borde, Rektorin der ASH Berlin.(zitiert nach: https://www.ash-berlin.eu/infothek/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/eines-der-groessten-gedichte-an-oeffentlicher-wand/a000217ed1d45d88966dfb702654e1af/). An der Strahlkraft des Kunstwerkes zweifeln wir keinesfalls, scheint es doch thematisch nicht viel anderes in den Fokus zu stellen, als den omnipräsenten objektivierenden Blick auf Weiblichkeit. Sollten die gelobten „neuen Zusammenhänge“ (zitiert nach: ebd.) Gomringers nicht nur auf seine Wortkonstellationen, sondern auch auf eine gesellschaftliche Ebene bezogen sein, so sind diese uns nicht ersichtlich.

Für uns fühlen sich diese Zusammenhänge eher alt und zugleich doch erschreckend aktuell an.

Zwar beschreibt Gomringer in seinem Gedicht keineswegs Übergriffe oder sexualisierte Kommentare und doch erinnert es unangenehm daran, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden. Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.

Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz sind vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominierte Orte, an denen Frauen* sich nicht immer wohl fühlen können. Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.

Eine Entfernung oder Ersetzung des Gedichtes wird an unserem Sicherheitsgefühl nichts ändern. Dennoch wäre es ein Fortschritt in die Richtung, dass es unsere Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht, nicht auch noch in exakt solchen Momenten poetisch würdigen würde.

Aus diesen Gründen fordern wir folgendes:

  1. eine Stellungnahme, von wem und mit welcher Begründung dieses Gedicht für die Hochschulwand ausgewählt wurde

  2. die Thematisierung einer Gedichts-Entfernung/-ersetzung im Akademischen Senat zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Wir würden es begrüßen, wenn zu dieser Sitzung alle Unterzeichnerinnen des Briefes eingeladen werden.

    Unsere Forderungen stellen wir nicht nur als Frauen*, sondern vor allem auch als Studierende einer „Hochschule mit emanzipatorischem Anspruch[, die] dem gesellschaftlichen Auftrag Sozialer Gerechtigkeit und kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen verpflichtet“ (zit. nach: http://www.ash-berlin.eu/profil/leitbild/) ist.

Bei weiteren Fragen oder konkreten Vorschlägen für alternative Gedichte, stehen wir gerne zur Verfügung (erreichbar unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).